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Der Beirat Niederdeutsch



Von der Idee zur Gründung

Am 28. August 1991, am Tag des Sommerfestes des Schleswig-Holsteinischen Landtages, trafen sich zum ersten Mal Mitglieder verschiedener niederdeutscher Vereine und Verbände mit der damaligen Landtagspräsidentin Lianne Paulina-Mürl. Dieses Gespräch im Dienstzimmer der Präsidentin stand am Ende einer langen Reihe von Aktivitäten der Niederdeutschen in Schleswig-Holstein. Schon seit geraumer Zeit hatte der ehemalige Grenzlandbeauftragte der Landesregierung, Kurt Hamer, auf die Notwendigkeit der verstärkten Förderung hingewiesen und festgestellt: "Es fehlt der nötige politische Druck (...). Das Plattdeutsche gehöre zum Reichtum des Landes, habe eine lange Geschichte und sei lange Zeit Kultur- und Amtssprache gewesen - eine solche Sprache darf nicht verloren gehen. Dies zu verhindern sei nicht nur Aufgabe der plattdeutsch Sprechenden, sondern aller, die für Schule und Kultur Verantwortung tragen." 1)

In der Folgezeit entstanden unterschiedliche Initiativen, die sich an den Ministerpräsidenten richteten und an das Kultusministerium des Landes. So forderte der Vorstand der Kulturringe im Landesteil Schleswig am 16. Mai 1991 in einer Resolution einen Beauftragten für die Förderung der plattdeutschen Sprache. Dem wurde entsprochen. Es wurde auf verschiedenen Treffen die Bitte geäußert, eine Professur für das Plattdeutsche einzurichten, die niederdeutsche Forschung an den Universitäten zu verstärken und die Schulen aufzufordern, sich intensiver um die Pflege der Regionalsprache zu kümmern. Außerdem wurde immer wieder der Ruf nach einer Koordinierungsstelle laut.

Diese Fragen sprachen die Vertreter der niederdeutschen Vereine und Verbände, unter ihnen Dr. Willy Diercks vom Schleswig-Holsteinischen Heimatbund und Hans Ahrenstorf von der "Plattdüütsch Runn" / Verband der Kulturringe, auch gegenüber der Landtagspräsidentin an.

Frau Paulina-Mürl sagte zu, sich für die Interessen der Niederdeutschen einzusetzen; sie wies aber darauf hin, daß Voraussetzung ein gemeinsames Engagement möglichst vieler plattdeutscher Verbände sein muß. Um diese Willensbildung herzustellen, schlug die Landtagspräsidentin vor, in absehbarer Zeit eine Tagung im Landeshaus stattfinden zu lassen. Bereits am 16. Dezember 1991 kam es zur ersten Plattdeutsch-Vollversammlung im Schleswig-Holstein-Saal des Kieler Landeshauses. Alfred Schulz, Vizepräsident des Landtages, unternahm in Vertretung der bereits schwererkrankten Landtagspräsidentin Paulina-Mürl die Leitung und konnte über 60 Vertreterinnen und Vertreter niederdeutscher Institutionen begrüßen: "Plattdeutsch und Politik. Diesen Diskurs wollen wir führen und wenn es uns gelingt, über die Bestandsaufnahme hinaus, (...) auch neue Perspektiven zu eröffnen, dann hat sich diese Tagung bereits gelohnt", konkretisierte Alfred Schulz die allgemeine Zielsetzung des Treffens.2)

Konkrete Perspektiven enthielt überdies ein Schreiben von Frau Paulina-Mürl, das den Teilnehmern als Tischvorlage verteilt wurde. Darin hieß es u.a., daß eine Institutionalisierung der Beziehung "Plattdeutsch - Politik" notwendig ist. Sie schlug vor, einen "Beirat Niederdeutsch beim Schleswig-Holsteinischen Landtag" einzurichten. Wenn sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Tagung dazu entschließen könnten, wäre sie bereit, die weiteren organisatorischen Vorbereitungen zu übernehmen. Am Schluß der Veranstaltung stellte Vizepräsident Alfred Schulz das einstimmige Votum von Verbandsvertretem und der anwesenden Landtagsabgeordneten fest.

Hans Ahrenstorf fand dazu die passenden Worte: "Ick har dormols gar nich mit rechnet, dat dat so gau gung. Wi seggen Dank, (...), dat ji richtig in de Puschen komen sind hier in de Landtag! (...) Mokt wider so, wi stohn parat." 3) Damit waren die Voraussetzungen für die Gründung des Beirates Niederdeutsch geschaffen. In den folgenden Wochen fand ein Abstimmungsprozeß mit niederdeutschen Vereinen und Institutionen statt, in dem Vorschläge für die Besetzung gesammelt und geprüft wurden. Es wurden auch die Fraktionen aufgefordert, Abgeordnete als Mitglieder zu benennen, so daß sich relativ schnell die Konturen des Beirates abzeichneten. Der Beirat sollte 18 Mitglieder umfassen, die sich mindestens einmal im Jahr auf Einladung der Landtagspräsidentin treffen; ihm gehören jeweils drei Vertreter der Landtagsfraktionen an, der Niederdeutsch-Beauftragte des Ministerpräsidenten und ein Vertreter des Kultusministeriums sowie acht Repräsentanten der niederdeutschen Szene für verschiedene Sachgebiete: Vereine und Verbände, Kirche, Universität und Pädagogische Hochschule, Schule, Theater sowie Medien/Literatur.



Die Beratungen

Am 13. März 1992 fand die konstituierende Sitzung des "Beirat Niederdeutsch beim Schleswig-Holsteinischen Landtag" im Raum 021 des Landeshauses statt. Die Begrüßung und Eröffnung nahm in Vertretung der erkrankten Landtagspräsidentin Lianne Paulina-Mürl der Erste Landtagsvizepräsident Prof. Dr. Eberhard Dall' Asta vor. Herr Dall' Asta erinnerte an die niederdeutschen Aktivitäten des Landtages und verwies auf die Erfahrungen mit entsprechender Gremienarbeit. Zustimmung erfuhr sein Hinweis, daß erst die kontinuierliche Arbeit im Beirat Fortschritte bringen werde. Informationsaustausch und politische Umsetzung bilden die Schwerpunkte der Arbeit; die Mitglieder des Beirates sollten die Funktion von Multiplikatoren übernehrnen, um die Arbeit auch den niederdeutschen Vereinen und Verbänden deutlich zu machen, die nicht zum Kreis der Teilnehmer gehören können.

Bereits in dieser ersten Sitzung einigen sich die Gremiumsmitglieder darauf, daß das Kultusministerium ein Arbeitspapier erstellen soll, das die von den Gemeinden, den Kreisen und dem Land geförderten Niederdeutschaktivitäten auflistet. Damit wurde die Idee des "Landesplanes Niederdeutsch" geboren. Weiteres Thema war das Image des Niederdeutschen, das als eine "Sprache der Gemütlichkeit" durchaus auch negativ besetzt ist. Prestige dient dem Spracherhalt, deshalb soll dieser Themenschwerpunkt weiterhin beraten werden. Damit war die Arbeit des Beirates umrissen; das Versprechen von Landtagspräsidentin Paulina-Mürl, unbürokratisch und kurzfristig ein Gremium zu bilden, konnte verwirklicht werden.

Nach der Landtagswahl im Mai 1992 fand eine Neubesetzung des Beirates statt. 4) Bereits im Dezember 1992 trafen sich die Mitglieder zur 2. Sitzung; dieser Beratungsrunde waren eine Reihe von Gesprächen über weitere Förderungsmöglichkeiten vorausgegangen. Faßt man die Themenschwerpunkte der zweiten Sitzung sowie der folgenden Beratungen zusammen, so lassen sich fünf Arbeitsgebiete festlegen: Die europäische Charta für Regional- und Minderheitensprachen, die Ausarbeitung des Landesplanes Niederdeutsch, die Situation des Niederdeutschen in der Schule, beispielhaft diskutiert am Erlaß Niederdeutsch und der Erarbeitung von Lehrplanbausteinen, sowie der niederdeutschen Arbeit in Zentren. Sie gehören zur Struktur unseres Netzwerkes und werden deshalb im einzelnen erläutert.



Die Planungen

Die Arbeit des Beirates wird ihre koordinierende Kraft erst langfristig entwickeln können. Schon jetzt wird aber der regelmäßige Austausch von Informationen und Meinungen als äußerst produktiv angesehen. Die Reaktionen vieler Vereine und Verbände lassen den Schluß zu, daß die Arbeit des Gremiums auch in der Landschaft wahrgenommen und angenommen wird.

Der Beirat Niederdeutsch hat sich zur Aufgabe gestellt, das Image der Regionalsprache immer wieder zu diskutieren und ggf. zu korrigieren. Es wird keine einheitliche Auffassung über das Erscheinungsbild und die gesellschaftliche Relevanz geben; die Mitglieder des Gremiums stimmen aber darin überein, daß die Regionalsprache Plattdeutsch nur weiter existieren kann, wenn sie Anpassungsprozesse mitmacht und sich als vielseitige, unverzichtbare und attraktive Sprache in unserer modernen Zeit vorstellt.

1) Nordfriesische Nachrichten v. 22.7.1989
2) Plattdeutsch in der aktuellen Politik, hrsg. von der Präsidentin des Schleswig-Holsteinischen Landtages, Kiel 1992, S. 8
3) ebenda, S. 92
4) s. dazu die Übersicht im Dokumentationsteil.

(aus: Fischer, Karl-Rudolf und Kurt Schulz, "Ein Netzwerk für Niederdeutsch in Schleswig-Holstein", hg. von der Stiftung Mecklenburg Ratzeburg, 1994)




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